Ersatzstoffe könnten Nebenwirkungen haben

Er stellte schon vor zwei Jahren konsequent um, die weitverbreitete Metalltrinkflasche kommt inzwischen ohne BPA-Beschichtung aus. Die damals offen kommunizierten Fakten zur bisherigen BPA-Beschichtung in den Flaschen wurden deren Webseite entfernt. Wie ein Deja-vu sei das für sie gewesen, erzählt Patricia Hunt. Denn nach Zeit, so die Erkenntnis aus den Messungen, sei auf der Haut minim mehr vom ursprünglichen Bisphenol A zu messen gewesen, obwohl der Stoff nicht verdunste. Tests des Zürcher Kantonslabors zeigten 2010: Kassenzettel aus Thermopapier bestehen zu fast zwei Prozent aus reinem Bisphenol A. Sie sind im Alltag omnipräsent. Die Messungen aus Zürich zeigen, was passiert, wenn man die Kassenzettel berührt: Innerhalb weniger Sekunden haften Spuren von BPA auf der Haut. Für ihn scheint klar, dass Kassenzettel «stark dazu beitragen», dass Bisphenol A im menschlichen Körper gemessen werden könne. Ende November kündigte die EU-Kommission an, auf März werde der hormonaktive und eventuell krebserregende Stoff Bisphenol A in Babyflaschen verboten. In Deutschland kündigten führende Supermarktketten an, auf umweltfreundlicheres Papier umzustellen.

Alternative zum Bisphenol-A-haltigen Thermopapier

In der Schweiz bemüht sich derzeit Coop um eine Alternative zum Bisphenol-A-haltigen Thermopapier. Bei Coop und Migros prangt plötzlich an Schoppen, Nuggi und sogar an Kindertellern und Kinderbesteck ein grüner Farbklecks, unter Strafe stehen: «BPA-frei» oder: «0% Bisphenol A». Auf Druck der EU ist Bisphenol A aus Schoppen und Nuggi verschwunden. Der Umweltchemiker Tomas Östberg vom Jegrelius-Institut sagte darauf: «Das ist 1000-mal mehr, als man in den Schoppenflaschen findet.» Dazu hat Östberg einen weiteren Verdacht: Bisphenol A werde von Kassenbons auf andere Alltagsgegenstände übertragen, beispielsweise im Portemonnaie auf Geldscheine. Noch bevor das Verbot in Kraft tritt, sind Bisphenol-A-haltige Schoppenflaschen vom Markt verschwunden - auch in der Schweiz. Denn es handelt sich dabei nicht um eine wissenschaftliche Grösse, sondern um einen politischen Entscheid der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Das deutsche Umweltbundesamt hingegen verweist auf Studien, in denen Mengen von Bisphenol A zum Einsatz kamen, die weit unter denjenigen liegen, die von welcher europäischen Lebensmittelbehörde als gesundheitlich bedenklich eingestuft werden. Einige Hersteller bewiesen inzwischen, dass es auch ohne Bisphenol A geht. Heute heisst es beim BAG: «Wir sehen zurzeit keinen Handlungsbedarf.» Wenngleich BPA-haltige Säuglingsprodukte fast ohne Überleitung vom Markt verschwunden sind: Die Konsumenten werden dem problematischen Stoff im Alltag weiterhin ausgesetzt sein (siehe «Bedenken wegen Bisphenol A»).

BPA wirkt wie ein Hormon

In den Mäusen wirkte der kurz BPA genannte Stoff wie ein Hormon. Damals hatte sich BPA aus dem Plastik der Käfige gelöst, sodass die Versuchstiere es aufnehmen konnten. Bisher gehen Forscher davon aus, dass BPA überwiegend durch Nahrungsmittel in den Körper gelangt. Und wie bei BPA denkste auszuschließen, dass sich die Kontroversen darüber wieder über Jahre hinweg hinziehen könnten. Ist der Kontakt mit Bisphenol-A aus Plastikprodukten auch für den Menschen ein Risiko? Ganz so wie sie es schon vor 20 Jahren erstmals im Zusammenhang mit Bisphenol-A beobachtet hatte. Dennoch: Der Zweifel an den Bisphenol-A Ersatzstoffen ist an sich gesät. Als Quintessenz steht für Patricia Hunt die Erkenntnis: Auch die Ersatzstoffe für Bisphenol-A stellen sogenannte endokrine Disruptoren dar. Inzwischen hat Sigg aber das Umtauschprogramm abgeschlossen, wie dem Konsum-Blog mitgeteilt wurde. Etwa der Getränkeflaschenproduzent Sigg. Doch im Alltag bleibt der hormonaktive Stoff omnipräsent - e. g. in Kassenzetteln. Das Zürcher Kantonslabor äusserte aufgrund seiner Messungen den Verdacht, dass der Stoff anschliessend intrakutan eindringe. Bei trockener Haut sind es weniger als zwei Mikrogramm, bei fettiger oder schweissiger Haut hingegen bis zu 20 Mikrogramm. Die Aufnahme von Bisphenol A percutan sei lediglich ein «Nebenaufnahmeweg».

Bisphenol A meiste produzierte Chemikalie welweit

Bisphenol A gehört zu den am meisten produzierten Chemikalien weltweit. Im Körper wirken sie wie körpereigene Hormone und stören hormonell gesteuerte Prozesse. Doch vielen ist es dabei nicht ganz wohl, auch wenn die Thermopapierindustrie betont, von ihren Kassenzetteln drohe keinerlei gesundheitliche Gefahr. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) verkündete noch im November, man werde ein Verbot für die Schweiz «studieren und abklären». Das BAG zeigt sich in der Diskussion mehr oder weniger Problematik wenig kritisch. Die von der IARC abweichende Einschätzung erklärt das BfR damit, die Krebsforschungsagentur prüfe lediglich die Eigenschaft eines Wirkstoffes, Krebs zu erzeugen - "nicht aber die Wahrscheinlichkeit, dass Krebs tatsächlich erzeugt wird, wenn dies von der Höhe der Aufnahmemenge abhängig ist". Ihr Inhalt, der letztlich in Münster gelagert wird, ist nicht mit geld aufzuwiegen: Er gibt Aufschluss darüber, welchen Schadstoffen in welchen Mengen Bundesbürger verschiedener Regionen ausgesetzt waren und sind. Dabei würden heute 10000-fach höhere tägliche Gesamtmengen als unbedenklich gelten, schreibt das Zentrum. Das Zentrum für Fremdstoffrisikoforschung der Uni Zürich findet, das Risiko einer toxischen Wirkung könne «auch bei ständiger Handhabung von Kassabons, etwa durch Kassenpersonal in Warenhäusern, als gering eingeschätzt werden». Bei allgemeinen Versuchen zur Sexualentwicklung von Mäusen, die in ihrem Labor extra in BPA-freien Käfigen aus dem Kunststoff Polysulfon gehalten wurden, entdeckte sie seltsame Unregelmäßigkeiten in den Ergebnissen.

Doch weitere Versuche zeigten

Aus dem Polysulfon der Käfige kann evtl. Bisphenol-S freigesetzt werden. Die Migros sieht dagegen keinen Handlungsbedarf, eine Umstellung sei reiner Zufall. Bisphenol-S, kurz: BPS, ist ein solcher Ersatzstoff. Vor 20 Jahren beobachtete Patricia Hunt von der Washington State University etwas Unerwartetes: Die Entwicklung der Ei- und Samenzellen ihrer Versuchsmäuse war gestört. Z. B. liefert die Studie keine Belege, dass die im Versuch verwendeten Plastikkäfige tatsächlich die Quelle für die anfängliche BPS-Kontamination waren. Wie viele tausend Tonnen jährlich in der Schweiz in die Kunststoffproduktion fliessen, will Marktführer Bayer nicht bekanntgeben. Das räumt Patricia Hunt auch ein. In ersten Reaktionen hagelt es schon Kritik, auch an den Methoden. Es übernimmt vielmehr die Argumentation der Industrie. Und auf den ist Patricia Hunt durch einen Zufall aufmerksam geworden. Weltweit wurden 2008 rund 5,2 Millionen Tonnen hergestellt - zwei Jahre zuvor waren es noch 3,8 Millionen. Viele stecken den Zettel gar gedankenverloren zwischen die Lippen. Seit Ende der über zehn Jahre ist es ein wichtiger Baustein des Kunststoffs Polycarbonat.

BPA uns co unterliegen seit 2015 der Zulassungspflicht

Die Stoffe unterliegen laut Kolossa-Gehring seit Anfang des Jahres 2015 einer Zulassungspflicht, was in Wahrheit einem Verbot gleichkomme. Klar ist: Unser Alltag ist mit Bisphenol-A-Produkten geradezu durchsetzt. Bei den Grossverteilern, am Parkautomaten oder in der Warteschlange von SBB und Post. Denn das EU Verbot für den Basisstoff von Plastikflaschen gilt in der Schweiz nicht. Sprich eine erhöhte Anzahl abnormer Keimbahnzellen. Innerhalb weniger Wochen haben Hersteller Alternativprodukte lanciert und die herkömmlichen Schoppen und Schnuller aus dem Angebot genommen. Sie finden sich in unzerbrechlichen Plastikflaschen, in Lebensmittelverpackungen, in der Innenbeschichtung von Konserven- und Aludosen, in Zahnversiegelungen und auf Datenträgern (CD, DVD). Daraufhin testete das Forscherteam um Patricia Hunt nochmals gezielt, welche Effekte kleinste Mengen von BPS auf die Mäuse haben. Bis 2007 galten täglich maximal zehn Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht als Grenze. Auf der Suche nach der Ursache stieß die Forscherin auf Bisphenol-A, einem Bestandteil vieler Kunststoffe. Insgesamt, so schätzt Kolossa, seien derzeit etwa 140.000 verschiedene Chemikalien auf dem Markt.
 
Die jährliche Produktion stieg die letzten Jahren trotz gesundheitlichen Bedenken gewaltig. Das Bundesamt für Gesundheit ging nicht weiter auf die Untersuchungen des Zürcher Labors ein. In der Schweiz wiegelt man ab. Ein weiteres grosses Einsatzgebiet sind Plastikteile im Automobilbau. Neuere Zahlen sind nicht erhältlich. Dass Patricia Hunt mit solchen Aussagen in Expertenkreisen für Diskussionen sorgt, ist abzusehen. Gies. Weil Bleiverbindungen krebserregend seien und das Gehirn schädigten, gebe es keine untere Grenze - jede noch so geringe Konzentration könne Schäden verursachen. Der Konzern tauschte besorgten Kunden die beiden Unzertrennlichen Flaschen der BPA-Innenbeschichtung sogar gratis aus. Eine schwedische Studie wies in Kassabons sogar einen BPA-Anteil von über drei Prozent nach. Da im Labor ständig Kunststoffprodukte im Einsatz sind, könnten viele Studien mit Tierversuchen, gerade über die Wirkung hormonähnlicher Substanzen, verfälscht sein. Doch ein Teil der Stoffe entweicht. Allerdings ist dieser Grenzwert umstritten. Der Detailhändler Rewe hat seine Kassen bereits umgerüstet. Ein anderes Anwendungsfeld wurde in der Öffentlichkeit bisher kaum wahrgenommen. Passiert ist seit den Messungen wenig.

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